Leiden - Wenn Golf zur Nebensache wird

March 8, 2018

Gestern war so ein Tag, der mich nachdenklich machte. Das Thema Krankheit (konkret Krebs bzw. Tumor) prägte meine Begegnungen auf dem Golfplatz. In meinem unmittelbaren Umfeld befreundeter Golfer existiert die akute Bedrohung durch diesen Feind. Das macht selbst die, die gerne und viel reden, sprachlos. Auf das Leiden - besonders auf das konkrete Leiden von Freunden – gibt es keine schnellen Antworten. Wer sie zu haben meint und auch noch gibt, ist ein Narr.

 

Plötzlich sind die Freude am Golfen und das Verbessern des Handicaps nebensächlich, weil man persönlich innerlich betroffen ist. Leiden macht uns machtlos und ohnmächtig, denn der Ausgang ist nicht vorhersehbar. Man weiß gerade im Fall von Krebs um den langen und sehr schmerzhaften Weg der Therapie. Ich selbst kann adhoc fünf Freunde nennen - davon drei Kinder - , die in den letzten Jahren an Krebs litten, starben oder den Kampf gewonnen haben.

 

Im Leiden unterscheiden sich Menschen kaum noch in ihrer Reaktion. Egal welche soziale Stellung der Leidende hat, wie dick die Geldbörse oder das Auto sein mögen - alle stellen im Angesicht des Leidens die Fragen nach dem „Warum?“ Warum er oder sie? Warum ich? Warum lässt Gott das zu? - Die ewig alte Frage, die für viele Menschen zum Hauptgrund geworden ist, an der Existenz eines liebenden Gottes zu zweifeln, steht unweigerlich und unüberwindbar im Raum.

 

Peter Hahne, Theologe und Journalist des ZDF, schrieb in seinem Büchlein "Leid – Warum lässt Gott das zu?" zu Recht, dass die extremste Antwort auf die Frage nach dem Leiden der Atheismus ist. Schon der griechische Philosoph EPIKUR (ca. 341 v. Chr. – ca. 270 v. Chr.) brachte zum Ausdruck, was eigentlich das Problem ist:


Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht: 
dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft, 
oder er kann es und will es nicht: dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist, 
oder er will es nicht und kann es nicht: dann ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott, 
oder er will es und kann es, was allein für Gott ziemt: Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht hinweg? (Quelle: Von der Überwindung der Furcht, hg. v. O. Gigon, Zürich 1949, S. 80.)

 

Nein, es gibt keine leichte Antwort auf die sogenannte Theodizee-Frage. Sie beschäftigt den Menschen schon immer. Leiden ist auch nicht objektiv messbar. Es hilft auch nicht wirklich, das eigene Leid mit dem vermeintlich schlimmeren Leiden anderer zu vergleichen.

 

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die Ohnmacht und der Schmerz während meiner Erschöpfungsdepression vor ein paar Jahren, keine Linderung und Trost erfuhr, bloß weil ich mein Leid mit dem Leiden anderer verglichen habe. Das eigene Leid ist subjektiv empfunden fast immer unglaublich stark und erdrückend. Was hilft?

 

- Menschen, die den Arm um unsere Schulter legen, keine großen Worte machen und uns auf unserem Weg durch das Tal begleiten. Liebe, Barmherzigkeit, Trost.

- Das Gespräch mit sowie der Glaube an einen souveränen Gott, der keine Fehler macht, hilft auch, wenn man im Leiden noch glauben kann.

 

Nein, Gott ist nicht für alles Leiden dieser Welt verantwortlich. Nicht selten tragen wir selbst die Verantwortung für das Leid in unserem Leben. Aber eben nicht immer, weshalb wir Gott dann gerne auf die Anklagebank setzen. - Und ja, Gott versteht unsere Reaktion.

 

Leiden ist aber auch die Chance, zu beweisen, dass man Gott um seiner selbst willen lieben kann und nicht nur, weil ER uns gute Dinge gibt und schlechte erspart. Zugegeben: Das geht nur, wenn ich grundsätzlich an Gott glaube, der mich liebt.

 

Mir tat es gestern gut von einem meiner Mitspieler zu hören: "Aber Gott sei Dank hat man den Tumor früh genug entdeckt." Oder die Aussage eines anderen Freundes, der gerade durch eine ganz schwere Zeit geht: "Ich bin guten Mutes, denn ich glaube fest daran, dass es mit Gottes Hilfe wieder gut werden wird."

 

Es ist erfreulich, wenn wir Gott im Leiden einbeziehen. Aber wir wären keine erlösungsbedürftigen Menschen, wenn wir in Sachen Leid nicht unterschiedlich gewichten würden. Wir glauben auch an "gerechtes Leid", wenn wir sagen: „Geschieht ihm recht!“. - Auch darüber kann man diskutieren.  
 

Problematisch wird es, wenn wir - wie einige meiner ehemaligen Studenten und ich es 2007 taten - eine Tagesstätte für an AIDS erkrankte Kinder in Sao Paulo, Brasilien, besuchen. Wenn man kleine, unglaublich süße Kinder in den Armen hält, wissend, dass sie trotz ihres fröhlichen Lachens nicht älter als 15 Jahre werden, ist das beklemmend. Was können sie dafür, dass ihre Eltern im Sumpf von Drogen und Prostitution Kinder zeugten, die in jungen Jahren an Aids sterben werden. Wo ist Gott in alledem?

 

Leiden existiert also auch, weil Gott uns Menschen nicht zu Marionetten gemacht hat, die leb-, herz- und willenlos tun, was Er will. Der freie Wille des Menschen war ein Muss, weil er sein Verhältnis zu uns nicht auf Zwang, sondern Liebe gründen wollte und immer noch will. Liebe existiert nur auf Basis von Freiwilligkeit. Leider ist der freie Wille des Menschen aber auch die Ursache für viel Leid. Es ist der freie Wille des Menschen, der sich entscheidet, Gott außen vor zu lassen - in den schönen Momenten des Lebens und in den schweren.

Ich persönlich bin froh, dass ich gerade in den schweren Momenten des Lebens - in den Momenten, wo mir die Worte fehlen – jemanden habe, in dessen Arme ich mich schweigend fallen lassen kann, in dem Wissen, dass keiner jemals so gelitten hat wie Er am Kreuz auf Golgatha.

 

Rainer Ebeling schreibt im IGW Periodical: „Statt sich vor dem Tribunal der Menschen zu rechtfertigen, nimmt Gott Schuld und Sünde auf sich, vernichtet sie am Kreuz und rechtfertigt den Sünder – den Menschen.“

 

Damit fasst er zusammen, was der Prophet Jesaja mit Blick auf Jesus vorhersah: „Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jesaja 53)

 

Neben den vielen, fast unzähligen Aspekten des Themas, die wir hier nicht erörtern können, möchte ich abschließend auf eine positive Seite des Leidens verweisen, die wir oft erst im Nachhinein erkennen. Das Leiden selbst sollten wir nicht wie eine Krankheit betrachten, die wir ausradieren sollten, denn im Leiden stecken auch Chancen. Vor allem habe ich selbst erlebt, dass ich durch die Erfahrungen meines eigenen Leidens zu jemandem werden und reifen konnte, der anderen in ihrem Leiden beistehen kann.

 

Das hatte auch der Apostel Paulus im Sinn, als er folgende Zeilen schrieb: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus.“ (2. Korinther 1)

 

In diesem Sinn wünsche ich uns die Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes in unserem Leiden – ganz gleich welcher Art.

 

Zuerst veröffentlicht am 26.05.2011 © Karsten Gosse

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